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Alljährlich
am 13. Jänner
Viele Sitten und Gepflogenheiten des Alltags sind dem Materialismus der
Zeit zum Opfer gefallen. Die wenigen noch ausgeübten Volksbräuche aber
wollen wir erhalten und pflegen.

Wie ging dieser Hilarius, der nie in Märstetten war,
den kein Märstetter je kannte und dem doch jeder Märstetter jährlich einen
ganzen Tag lang huldigt, in unsere Dorfgeschichte ein? Umsonst sucht man
ihn auf dem Sockel des Platzbrunnens, und auch auf den neuentdeckten Fresken
in der Kirche steht er nicht an jenem Posten, wo er im "Jüngsten Gericht"
die sündigen Märstetter Seelen aus dem teuflischen Rachen des Untiers
hätte retten und in die lichten, ewigen Höhen befördern können. Nein,
Hilarius kam 310 n. Chr. in Poitier, in Südfrankreich, zur Welt und geriet
auf den Wegen des Nachdenkens zum Christentum. Er stieg als streitbarer
Theologe rasch zum geräuschvollen Bischof auf, kämpfte mit kluger Feder
gegen den römischen Kaiser, fiel in Ungnade, kehrte aus der Verbannung
zurück, starb am 13. Januar 367 und wurde bald nach seinem Tode heilig
gesprochen.

Seit Märstetten ein Gemeinwesen bildet, hat der "Fürgesetzte"
oder "Dorfmeyer" alljährlich die Rechnung abzulegen. Dies geschah, wie
anderswo, am 2. Jänner, dem Berchtolds- oder Bächtelistag. Nun verschob
sich aber im Laufe der Jahrhunderte auch die Sonnenzeit, so dass das astronomische
Jahr dem Julianischen Kalender 11 Tage vorausging. Also gebot Papst Gregor
eine Korrektur und liess 1582 dem 4. Oktober den 15. folgen. So verschob
sich nach dem neuen Kalender der Rechnungstag vom 2. auf den 13. Januar,
den Hilariustag. Die reformierten Orte der Eidgenossenschaft jedoch beugten
sich dem päpstlichen Spruch nicht und bezeichneten den 13. Jänner bis
1700 noch als "alten Silvester". Mit Silvesterkläusen feiern bekanntlich
die Urnäscher noch heute den 13. Jänner, wie die Märstetter ihren Bürgertrunk.
Seit Menschengedenken traten die Bürger an diesem Tag zur Rechnungsgemeinde
zusammen. Man liest in Protokollen: "An Hillary Gmeindt anno 1635...".
Bei diesen Gelegenheiten händigte die "Gemeinde-Cassa" jedem stimmfähigen
Bürger für Frondienste 12 Kreuzer aus. Kein Wunder, wenn zum Beispiel
1836 115 Bürger bei Namensaufruf anwesend waren. So befanden sie gerne
über Thurwehren, Wege und Stege und wählten mit Vergnügen Wuhr- und Brunnenmeister,
Weibel, Strassenknecht, den Gemeindezuchtstierhalter und bestimmten das
Spatzenschussgeld.

Der Hilarius Festtag, wie er heute gefeiert wird, geht auf
das Jahr 1860 zurück. Damals erwarb Schuhhändler Jakob Keller (1819 -
1892) das Bürgerrecht. Als Zeichen seiner Freude zeigte er an, dass er
"den herwärtigen Bürgern einen vergnügten Abend verschaffen wolle und
ladet ein, diesen Abend um 6 Uhr sich im Ochsen dahier einzufinden , wo
jedem 2 Schoppen Wein, ½ Pfund Brot und eine Wurst gratis verabreicht
werde". Schon im nächsten Jahr berappte die Bürgerkasse diesen sogenannten
Bürgertrunk. In der Folge meldet das Hilariusprotokoll 1862: "der letztes
Jahr abgehaltene Bürgertrunk hat so amüsiert, dass beschlossen wird, das
gleiche Manöver wieder abzuhalten." Und so ist dieser Brauch bis heute
geblieben und strahlt gemeindeverbindende Kraft aus.

Zeiten,
Land und Leute haben sich geändert, Hiläri ist geblieben. An diesem verklärten
Morgen um neune treten die Märstetter Stimmbürger in stets stattlicher
Zahl zur Schulgemeindeversammlung an (anstelle der Ortsgemeindeversammlung
seit bestehen der Einheitsgemeinde). Anschliessend stellen sich die Bürger
mit dem Märstetter Heimatschein unterm Brusttuch zur Bürgergemeindeversammlung
ein, und schon früh nachmittags treffen wir sie in ihren gepflegten Waldungen,
wo nach alter Vätersitte das Jahresholz laut vergantet wird. Abends aber
verschlingt der Märstetter Bürger sein verdientes Hilärimahl (1 Salzisse
mit Brot, 1 halber Liter Bachtoblerwein und Mehlsuppe zu Mitternacht)
nicht nur unter seinesgleichen - das sei ihm nicht hoch genug angerechnet
-, sondern er lädt, nebst seinen Brüdern, die von weit weg herbeieilen,
auch die Ansassen seines Dorfes mit eigenem Rauche (Hausstand) ein. Prominente
Leute - auch aus Frauenfeld - sind immer zu Gast. Die Dorfvereine bieten
beste Unterhaltung. So fällt manch witziges, auch kluges Wort, bis um
Mitternacht der "Hilarius", die reichbebilderte Dorfzeitung mit der Jahres-Chronik,
dem geschichtlich-kulturellen Teil und dem Humor aus der Gemeinde verkauft
wird. Während die Gläser viel und laut erklingen, geniesst der Höchste
des Tages, Hilarius, das heisst, der Frohe, der Fröhliche, der sich freuen
kann, gerührt seinen Segen aus und verschmilzt Bürger und Nichtbürger
zu allgemein ganz guten Märstettern. Erst Morgengrauen löst die Brüderschaft
auf. Hilärigeist aber überspannt regenbogengleich für einen weiteren Erdenlauf
Dorf und Flur und alle, die darin wohnen. Möge es immer so sein.
Verfasser:
Ehrenbürger Eugen Alder
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